Die globale Kuh

Seit mehr als 40 Jahren beschäftigen sich Mathematiker,

Computerwissenschaftler und Philosophen mit dem Problem der

Künstlichen Intelligenz (KI).
Computer sollen so programmiert werden, daß sie eine

menschenähnliche Intelligenz haben.
In den letzten 10 Jahren sind neue Forschungsbereiche erschlossen

worden. Die KI hat offensichtlich ihre Ziele nicht erreicht. Computer

sind zwar in manchen Bereichen viel "besser" als Menschen

("Number crunching"). Doch im Verhältnis zu realen Umweltsituationen,

oder sei es auch nur beim Erkennen sogenannter "natürlicher Sprache",

haben sie kaum Fortschritte gemacht.

(Und zwar namentlich wegen des sogenannten "knowledge-bottlenecks":

Damit ein Computer natürliche Sprache versteht, müßte ihm eine

riesige Menge Kontextwissen einprogrammiert werden,

auf das er situationsbezogen zugreifen können müßte. Dazu reichen

jedoch sowohl heutige Prozessorleistungen als auch

Programmiermethoden nicht aus und es ist überhaupt fraglich, ob es

sich um ein Problem der quantitativen Leistungsfähigkeit handelt).


Anstatt nun weiter zu versuchen, dieses Wissen durch menschliche

Programmierer in Computer einzufüttern, ist man dazu übergegangen,

daß sich Computer durch Lernen in Evolutionsschritten

dieses Wissen selbst beibringen sollen. Für diesen neuen Zweig der KI

wurde der Begriff Künstliches Leben (KL) geprägt.


Wie die Verwendung dieser beiden Begriffe zeigt,

werden Begriffe aus der Lebenswelt des Menschen, zutiefst kulturell

geprägte Begriffe - und nach wissenschaftlichen Normen "unscharf" -

auf die rationalistische Welt der Rechner und ihre

"Maschinenlogik" projiziert.
Das wäre an sich unproblematisch, wenn Computer nicht für

ganz anderes stehen würden: Für die Welt der "harten"

Wissenschaft, der beweisbaren Tatsachen und der Objektivität

von Erkenntnissen.
Computer sind nicht nur das bevorzugte Werkzeug der harten

Wissenschaften sondern auch ihr ultimativer Ausdruck.


Die Wissenschaft beansprucht eine Vorrangstellung gegenüber allen

anderen Formen der Wissensgewinnung, wie z.B. Kultur

("Culture is bad science", Marvin Minsky, KI-Papst).
Doch wie die Beispiele der KI und des KL zeigen, ist die

"Objektivität" der Computerwissenschaften zutiefst

kompromittiert durch die kulturellen Wertvorstellungen ihrer

Protagonisten. (sie gehen davon aus, "Intelligenz" und "Leben" schaffen

zu können, ohne diese Begriffe überhaupt genau

definieren zu können.)
Dieses Dilemma gewinnt zusätzliche Brisanz durch das

Zusammenwachsen des Computerbereichs mit anderen

Wissensgebieten, namentlich Biologie, Evolutionsforschung, Robotik,

Medizin, Genetik und Wirtschaftstheorie.


Dem Forschungsansatz der KL liegt der Glaube zugrunde, daß

Maschinen der Komplexität des Lebendigen gerecht werden

können, daß sie das Wesen des Lebendigen nicht nur

erklären helfen können (soft KL), sondern Leben sogar

generieren können und im Falle der Biotechnologie manipulieren

können (Genom -Projekt und die Folgen).
Mit der Biotechnologie, bzw. KL wird "Leben" unter den Begriff der

Maschine subsumiert, die technologische Kultur wird zur zweiten

Natur erklärt.
Schleichend haben sich die Begriffe verändert. Die DNA wird als

"genetischer Code" bezeichnet, ein Begriff, der Bereits die Analogie

zu Computerprozessen beinhaltet.
Künstlich (von Menschen gemacht) und natürlich (gewachsen)

sind keine Gegensätze mehr. Dies ist nicht "an sich" schlecht

sondern unter den Bedingungen eines technologisch gepowerten

Kapitalismus und seines Umgangs mit menschlichen wie

natürlichen Ressourcen zutiefst problematisch. Computer wurden

äußerlich ebenso wie inhaltlich zu Agenten eines

weltweiten Kontroll- und Regelsystems.
Rein philosophisch gesehen wäre ein technologisch begründetes

"biomorphing" von natürlichen und technischen Systemen durchaus

verlockend. Unter den herrschenden systemischen

Zwängen stellt es jedoch eine ernste Gefahr dar.
Die eigentlich überwunden geglaubten Gegensätze zwischen

"Maschine" und "Leben" bestehen auf einer neuen Ebene fort.


Unter diesen Ausgangspunkten kann die Lösung aber nicht in einer

fundamentalistisch reaktionären Verteidigung des Lebendigen

gegen das Maschinenhafte liegen, sondern umgekehrt in einer

Umdeutung des Maschinenhaften durch neue Metaphern. Die Maschine

ist ebensowenig "objektiv" wie das Leben, sondern ein Teil der

menschlichen Kultur.

Wir schlagen daher vor von den Metaphern "Künstliche Intelligenz"

und "Künstliches Leben" Abstand zu nehmen und biologische

Prozesse nicht länger, wie es in diesen Diskursen nur allzuoft

geschieht, tautologisch mit Maschinenmetaphern zusammenfallen zu lassen.

Als Alternative schlagen wir vor, die Metapher der "Kuh" in die

Computerwissenschaft einzuführen. Die "Kuh" erscheint uns ideal,

um Prozesse der Informationsverarbeitung zu thematisieren und der

Forschung ein Ziel zu geben.

Die Informationsverarbeitung in Computern im Verbund weltweiter

Netze ähnelt in frappierender Weise dem Verdauungsprozess des

Wiederkäuertiers Kuh.

Das Magen- und Darmsystem der Kuh, mit mehreren Mägen und

langen Darmschlingen weist Analogien zum modernen Konzept des

"verteilten Computing" auf, wobei Rechenleistung über Netzwerke

verteilt genutzt wird.

Die Kuh kann nicht nur als Metapher für den einzelnen Computer

dienen, sondern auch für weltweite Computernetz wie z.B. das

Internet. Deshalb sprechen wir von der "globalen Kuh" (in Anlehnung an

das "global village").

Die Kuh ist den heutigen Computern um viele Evolutionsschritte

voraus. Anders als Computer ist sie ein nahezu perfekt sich selbst

verhaltendes System:

- Sie ist weigehend wartungsfrei und hat die Fähigkeit, sich selbst zu reproduzieren.

- Sie weist ein sinnvolles In- Output System auf, verfügt über

Stimm- und Gestikerkennung und ihre Einzelteile können mittels

Recycling auch nach ihrem Tod wiederverwertet werden.


Doch die Kuh ist mehr als die Summe ihrer Teile. Wir sollten die Kuh nicht

nur analytisch sehen, sondern in ihrer Einheit, in ihrem

sinnvollen Ganzen zum Vorbild der computerwissenschaftlichen

Forschung machen.
Die globale Kuh ist der ideale Computer der Zukunft.
Die globale Kuh hilft uns auch heutige Computer besser zu verstehen.

Auf jeden Fall vermeiden wir durch die Bezugnahme auf das Konzept

der globalen Kuh, wissenschaftliche Paradoxien und

technodeterministische, das Leben denunzierende Metaphern wie KI

oder KL.
Beim augenblicklichen Stand der Forschung ist die Kuh das geeignetes

Vehikel für elementare Fortschritte in der Arbeit mit und im

Denken über Computersysteme und die philosophische und soziale

Problematik der Technowissenschaften.
Präsentation im Hybrid WorkSpace, dX Kassel,

mute-workshop on Technoscience, 24.08.97

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