4.2.2. Das Dorftor (lo khon)

Jedes Dorf hat zwei symbolische Dorftore, die mit keinem Zaun verbunden sind. Das Haupttor ist idealer Weise an der höchsten Stelle des Dorfes gelegen. Das Tor markiert die konzeptuelle Grenze zwischen den Menschen, die innerhalb wohnen, und allen anderen Lebewesen, die außen wohnen.

Abb. 4a: Dorftore vor dem nordthailändischen Akha Dorf Huai Ta Maeo

Im April, rechtzeitig bevor die Regenzeit beginnt, findet jährlich unter der Leitung des Dzoema die Torerneuerungszeremonie (Lo Kan Du E ) statt, indem ein neues Tor unmittelbar vor dem alten Tor errichtet wird. Während der Regenzeit sind die Neqs - spiegelverkehrt zu den Menschen - am aktivsten, und 'reale' Bedrohungen, wie Krankheiten, am größten. Die alten Pfosten und Holzfiguren bleiben stehen und verrotten langsam.

Ein Akha Dorf soll nur durch das Tor betreten werden, um die negativen Außeneinflüsse abzustreifen. Schädliche Einflüsse von 'außen' können als Krankheiten aus dem Tal einbrechen, als räuberische Dschungeltiere, fremde Diebe und sonstige Verhaltensweisen von Fremden, die Akha-zang verletzen, aber auch in Form von Neqs und anderen bösewollenden Geistern der Außenwelt. (4.6.)

Anthropologen haben im Laufe der Zeit das Dorftor unterschiedlichst interpretiert. Es ist offensichtlich mit positiven und negativen Wirkungen gleichzeitig behaftet.

4.2.3. Holzskulpturen und Bambusobjekte

Am Querbalken des Tores sind eine oder mehrere Zig Zag Linien eingeritzt. Das Motiv steht für den langen Weg in die Berge - bergauf und bergab - , den die territoriumslosen Akha seit Generationen zurückgelegt haben. Nimmt im Dorf niemand die Position des Dzoema ein, wird kein Querbalken angebracht. Der Dzoema ist meist auch der Dorfgründer, er personifiziert daher am ehesten den weiten Weg der Suche nach einer Heimat. (4.7.)

Auf dem Querbalken sind aus Holz geschnitzte Symbole motiert: Vögel, Girlanden und Dalehs, aber auch Gewehre, Flugzeuge und Kreisel.

Bei der Suche auf Erklärungen für das Tor und die Holzobjekte stieß ich auf unterschiedliche Erklärungen, die sich in vier Grundrichtungen (4.8.) gruppieren lassen:

1. Die Objekte symbolisieren, was gewahrt und geschützt werden soll.

2. Die Objekte symbolisieren Mittel, die zur Abschreckung von Negativem dienen.

3. Die Objekte symbolisieren alles, was ferngehalten werden soll.

4. Die Objekte symbolisieren alles: Mikro- und Makrokosmos, Gut und Böse.

4.2.4. Der Daleh

Die Dalehs sind aus Bambus geflochtene Tabusymbole, die (sowohl von Akhas als auch von ausländischen Forschern) manchmal als Augen, manchmal als Sterne interpretiert werden (was nur von der Nähe beider Zeichen zeugt).
Geusau argumentiert, das die Daleh magische Augen symbolisieren, da rituelle Texte während der Lo Kan Du E Zeremonie (Dorftorerneuerung) davon sprechen, daß die 7 sehenden Augen nahende Bedrohungen. sei es in Form von bösewollenden Neqs oder anderes, erblicken, und abschrecken. (4.9.) Anläßlich dieser Zeremonie werden neue Bambussterne geflochten und an den Pfosten befestigt.

Die Dalehs werden auch zu anderen Gelegenheiten als Warnsymbole, als Tabuzeichen oder zur Markierung von Sakralbereichen verwendet. Zum Beispiel findet man sie an sämtlichen geheiligten Orten an - Neqhäuschen, Schutzbaum, etc- oder am Eingang eines Hauses, indem sich ein Kranker befindet. Die Dalehs am Torbalken unterstützen dessen Grenzfunktion und verweigern den 'negativen Einflüssen' den Zutritt in den geschützen oder verbotenen Bereich.

Abb.5: Daleh.

Andere tibeto-burmesische Völker, wie die Lahu, verwenden ebenfalls solche Dalehs. Manndorff (1970:336) erwähnt die Bambusaugensterne zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Dorfeingang der Lahu, der aus einem Steg, der über einen Zaun führt, besteht. Betritt man das Dorf, muß man 'rituell die Geisterbrücke überschreiten', an die Dalehs geheftet sind, die als 'magisches Abwehrzeichen verhindern, daß die bösen Geister folgen'.

4.2.5. Die Vögel

Über die Bedeutung der Vögel schreibt Grunefeld (1982:59) etwa: 'Der Querbalken ist mit geschnitzen Vögeln dekoriert, die das Dorf davor bewahren sollen, zuviele Hühner an die Bussarde zu verlieren.'

Ob die hölzernen Vögel seiner Ansicht nach die Hühner oder die Bussarde darstellen, wird nicht klar. Jenachdem würde er Position 1. oder 3. vertreten. Die Vögel haben aber weder die Form von Hühnern, noch werden sie von den Akha 'Hühner' sondern 'Vögel' genannt.

Bei AFECT (4.10) erfuhr ich im Gespräch, daß, weil die Vögel die Eigenschaft haben, mit lautem Geschrei auf Gefahren aufmerksam zu machen, meistens bevor sie noch vom Menschen wahrgennommen werden, 'symbolische Frühwarnsysteme' darstellen.
Kanomi (1991:79) schreibt in diesem Sinne: 'Vögel bieten ihren Schutz gegen böse Geister an.'

Wie die Daleh, sehen sie nahende Gefahr und halten sie ab.

4.2.6. Die Kreisel

In der Literatur trifft man auf widersprüchliche Angaben, ob es sich bei den konisch-zylindrischen Holzobjekten um Kreisel oder Bomben handelt.

Mehrere Verbindungen des Kreisels mit Akha-zang lassen mich aber vermuten, daß die Objekte am Tor Kreisel darstellen: Akha-zang legt fest, daß das Wurfkreiselspiel nur zu Neujahr stattfinden soll. Antropologen von Malinowski (1945) bis Needham (1979) haben rituelle Handlungen u.a. durch ihre Fixierung auf einen bestimmten Zeitpunkt identifiziert. Man kann also annehmen, daß das Wurfkreiselspiel noch eine zusätzliche Bedeutungsebene enthält und der rotierende Kreisel etwas symbolisiert, dem in keiner Publikation über Akha nachgegangen wurde.

Hölzerne, runde, etwa 10cm hohe Kreisel werden mit einer Schnur umwickelt. Dann hält der Bub ein Schnurende fest und schleudert den Kreisel so nah wie möglich zu dem festgelegten Ziel, wo er noch eine Weile sich drehend auf seiner Spitze herumwandert, bevor er liegenbleibt.

Eine Zeremonie zeugt davon, daß der Wurfkreisel mit Fruchtbarkeit in Zusammenhang steht: 'Eine Frau, die sich Kinder wünscht aber noch keine bekommen konnte, kann den Pima ersuchen, eine Zeremonie abzuhalten, die ihre Fruchtbarkeit steigert. Der Pima würde dann ein Miniaturkreisel schnitzen, das die Frau an ihren Kopfschmuck heftet und trägt.' (Grunefeld, Zitat eines Pima, 1982:152)

Die Bomben hingegen werden nur in Zusammenhang mit anderen adaptierten Motiven - Flugzeugen und Gewehren - erklärt.

4.2.7. Waffen und Flugzeuge

'Hölzerne Nachbildungen von Gewehren, Armbrüsten, und Vögeln werden zusammen mit Tabusymbolen (Daleh) aus Bambus auf dem Querbalken des neuen Tores gelegt, um das Eindringen übelwollender Geister zu verhindern. Einige Akha haben ihre Tore durch das Hinzufügen von Miniaturflugzeugen und Hubschraubern modernisiert.' (Lewis&Lewis 1984, vgl. auch Grunefeld 1978:136)

Da die Akha Flugzeuge während des 2. Weltkrieges und dem Indochinakrieg als Mittel für Luftbombardements (und nicht als Ziviltransportmittel) kennengelernt haben, können die Holzflieger als 'sehende Waffe gegen böse Einflüsse' interpretiert werden, oder aber als 'Schnitzereien, die die negativen Einflüsse repräsentieren, die das Dorf sich fernhalten möchte.' (Goodman 1996:3)

In diesem Zusammenhang ist es eventuell erklärbar, daß die kreiselförmigen Holzobjekte Bomben darstellen.

Gewehre werden mit Jagd assoziiert. Am Geisterhäuschen, das zum Schutz des Dorfes im Waldgürtel um das Dorf an einer erhöhten Stelle aufgestellt wird, finden sich ebenfalls hölzerne Gewehre - neben hölzernen Schwertern, die rundherum in Boden stecken.

Ein Akha meinte, die hölzernen Gewehre sollten bewirken, daß man sich bei der Jagd nicht verletze oder gegenseitig anschieße. Es ist aber auch möglich, daß die Holzgewehre eine Weiterentwicklung der Holzschwerter sind. (siehe: Kapitel Dolch)

4.2.8. Das Holzfigurenpäärchen (ta pha maa)

Neben dem Dorftor sind zwei Holzfiguren installiert: Eine männliche und eine weibliche Figur, in etwa halber Lebensgröße, deren Genitalien besonders betont sind. Die einfachen Figuren werden aus sich gabelnden Ästen geschnitzt, die Gablung als Beine nach unten gerichtet.

Wiederum haben sich mehrere Erklärungen hartnäckig in Umlauf gehalten:

Das Paar als Fruchtbarkeitssymbol

Young (1974:2) zitiert Akha, die meinten, daß die Figuren auf eine Art und Weise Fruchtbarkeit installierten, der von den bösewollenden Geistern nichts angetan werden kann.

Kanomi (1991:301) beschreibt die Figuren als Ausdruck des Wunsches nach Prosperität. Eine schwangere Frau dürfe nicht durch das Tor gehen, sondern außen vorbei.

Akhas in Myanmar versuchen angeblich, die Frauenfigur möglichst dick zu gestalten, um zahlreichen Nachwuchs im Dorf zu bekommen. (Grunefeld 1978:59)

Das Paar als Grenzmarkierung

Von der Legende 'Vom Einfangen einer Vampirfrau' wird als Zweck des Holzpäärchens abgeleitet, daß sie bösewollende Eindringlinge abwehren, indem sie anzeigen, daß deren Tochter eine Akha Frau geworden ist und hier der Lebensraum der Menschen beginnt. (Campell 1978:99)

Kammerer (1984:51) leitet die Bedeutung der Figuren von ihrer Beobachtung ab, wie diese gewöhnlich positioniert anzufinden sind.
Während die Akha in Myanmar die Genitalien der Figuren besonders groß gestalten und sie nebeneinander aufstellen, seien die Figuren der thailändischen Akha mit dem Gesicht zueinander gerichtet.

Die Frau ist bergseitig, der Mann talseitig oder die Frau talseitig und der Mann bergseitig positioniert. Von der bergseitig positionierten Frau heißt es, daß sie ins Dorf schaut, während der talseitige Mann in den Wald blickt, bzw die talseitig positionierte Frau wird als im Dorf befindlich angesehen und der bergseitig positionierte Mann als im Wald befindlich. Die Begründung ist also dieselbe: das Dorf ist das Gebiet der Frau, der Wald das Gebiet des Mannes.'

Kammerer belegt diese Interpretation damit, daß einerseits nur die Männer in den Wald auf Jagd gehen, andererseits in einer Legende über das Urdorf der Akha, in dem Neqs und Menschen noch zusammenlebten, die Urmutter eine zentrale Stellung einnimmt und daher das Dorf mit dem weiblichen Prinzip assoziiert wird.

Das Paar als Feindesrepräsentation

Goodman (1996:4) weist darauf hin, daß die Figuren mit Gewißheit keine Fruchtbarkeitssymbole seien, da sie in so einem Fall innerhalb der virtuellen Dorfgrenze aufgestellt werden würden. ’Die Tatsache, daß sie außerhalb des Tores plaziert sind, suggeriert, daß sie, wie die anderen Schnitzereien, etwas repräsentieren, das die Akha vom Dorf fernhalten wollen. Ruft man sich in Erinnerung, daß diese Tradition vor hunderten von Jahren entstand, als die Akha in kriegsgeplagten Gebieten lebten, kann man spekulieren, ob die Figuren etwa kriegerische Nachbarvölker darstellen sollen.Ś
Ich finde es allerdings unwahrscheinlich, daß die Akha Feinddarstellungen so betonte Genitalien verleihen.

Die These, daß das Tor und die Objekte alles repräsentieren, was zu Kosmos und Akha Mikrokosmos gehört, ist ein anderer Ansatz:
Symbole der Haustiere (Hühner, Büffel)
Symbole des Universums (Sonne, Sterne, Hubschrauber)
Symbole von Ying und Yang, Vergangenheit und Zukunft (Zig-Zag-Weg, Mann und Frau)
(Kacha-ananda, 1970:120)

Die Widersprüchlichkeit der zahlreichen Interpretationsansätze löst Young (1974:2f) auf, indem er meint: 'Das Tor soll die guten Geister anziehen und die bösen Geister abwehren. Die Tore werden daher so gestaltet, daß sie von den guten Geistern als schön angesehen werden, und von den bösen Geistern als angsteinjagend.'

In Thailand sind die Akha die einzige Ethnie, die solche Dorftore errichtet.
Andere tibeto-burmesische Völker in Myanmar zum Beispiel kennen auch diesen Brauch.

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