4.1. Kosmos - Dorf - Haus

Haus und Dorf werden in folgender Beschreibung mit dem Hauptaugenmerk auf die kulturelle Dimension von Ort und Raum untersucht. Die Beziehungen zwischen Mensch - Haus, Haus - Dorf, Dorf - Wald, sind ein mikrokosmisches Modell der Weltanschauung der Akha.

4.1.1. Das Universum

Die seit Generationen oral überlieferte Mythologie der Akha, die ihre Geschichte verarbeitet und die Beziehung zwischen Akha und Universum beschreibt, ist nicht immer synchronisiert, teilweise findet man paralell existierende variierende Versionen, teilweise ist sie noch nicht schriftlich erfaßt bzw übersetzt.

Sie beinhaltet jedenfalls einen Ursprungsmythos, in welchem Himmel und Erde, aber auch ein bisexueller Schöpfer - erster Vorfahre des Akha Volkes - eine Rolle spielt. Weitere Mythen erzählen über die lange Wanderung über viele Berge und Flüsse, durch zahlreiche Provinzen, über einen kurzlebigen Akha Stadtstaat im Mekong Tal im Yunnan, und über die Fortsetzung der Flucht südwärts, zurück in die dicht bewaldeten Berge.(4.1.)

Das Hauptanliegen von Akha-zang ist, die menschlichen Handlungen und Ereignisse mit den kosmischen Prozessen und Kreisläufe zu verbinden.
Rituelle Gesänge sprechen wörtlich von 'Öffnungen', durch welche die Menschen den kosmischen Kreislauf durch Zeremonien und Rezitatiionen betreten können. Durch diese Verbindung werden die Anstrengungen der Menschen (Reis pflanze, Jagd, Nachkommen schaffen...) mit günstigen ökologischen und kosmischen Konditionen synchronisiert und so die bestmögliche Grundlagen und möglichst effektives Zusammenwirken geschaffen.

Alles im kosmischen Raum und Zeit steht miteinender in Beziehung, vom Hahnenschrei zum Sonnenaufgang, von den Konzerten der Zikaden zum Reifen des Reis. Auch die Welt der Menschen ist mit ihrem Significatum verbunden, das Symbol mit seiner Bedeutung. Akha-zang beschäftigt sich zu einem großen Ausmaß mit der übergenauen Artikulation der Harmonie des menschlichen Mikrokosmos und seiner harmonische Verbindung mit den ökologischen und makrokosmischen Prozessen, als auch mit deren Interpretation.Œ (Geusau 1983:253)

4.1.2. Vom Einfangen einer Vampirfrau (pehseu)

Der Mythos vom 'Einfangen einer Vampirfrau' reflektiert den Ursprung der dualistischen Prinzipien Innen - Außen und Männlich - Weiblich.

Der Mythos selbst ist nicht die unmittelbare Ursache, spiegelt aber die Struktur des Zusammenlebens zwischen den Akha als auch zwischen Akha und anderen (Nicht-Akha, Tiere, Neqs ...) wider, die sich in der Idee der Innentrennwand wiederfindet, die den Bereich des Weiblichen vom Männlichen trennt, und des Dorftores, Prototyp des Tors, das jede Dorfgemeinschaft (Mensch+beherrschbare Ordnung) vom umliegenden Dschungel (Natur +unbeherrschbares Chaos) abgrenzt.

Die Außenwelt umfaßt die Geisterwelt als auch Fremde, Nicht-Akha. Akha, die in anderen Dörfern wohnen, sind keine Fremden. Sie leben ja ebenfalls in Dörfern, die nach dem gleichen Ordnungsprinzip strukturiert sind. (4.2.)

'Vor langer Zeit, als Himmel und Erde und die ersten Menschen entstanden, fragte der Schöpfer Apoe Miyeh einen Akha Mann, ob er denn heiraten möchte. "Ja, ich möchte gerne heiraten, aber wie soll ich es anstellen?" antwortete der Akha Mann. Den Anweisungen Apoe Miyehs folgend, ging er in den Dschungel und rief drei Mal in den Wald. Daraufhin kam eine Vampirfrau zu ihm, die wie halb Tier, halb Mensch aussah. Sie trug keine Kleidung und keinen Kopfschmuck. Der Mann machte ihr aus einem Reissack einen Rock und bedeckte ihren Kopf mit seiner Tasche. Dann gingen sie zurück ins Dorf und heirateten. Gleich nach der Hochzeit tötete aber die Vampirfrau den Mann und aß ihn auf.

Die Vampirfrau begehrte bald einen anderen Mann im Dorf. Dieser aber weigerte sich, sie zu heiraten, da er fürchtete, daß ihm das gleiche Schicksal wie seinem Vorgänger zuteil würde. Die Vampirfrau beschwichtigte ihn und überzeugte ihn, daß sie ihn nicht fressen würde. Sie könnten friedlich zusammenleben, wenn er im Haus eine Trennwand einziehen würde, die den Raum in seinen und ihren Bereich teilt. Der Mann baute also die Trennwand und heiratete die Vampirfrau.

Nach einiger Zeit wurde das Paar von den Verwandten der Vampirfrau aufgesucht, die nach ihr sehen wollten. Die Geister kamen immer wieder und begannen Hühnereier und Gemüse zu stehlen. Um zu verhindern, daß die Geister wieder Unruhe in ihrem Leben stifteten, baute der Mann am Weg, der in das Dorf führte, ein Tor. Er schnitzte zwei Figuren, einen Mann und eine Frau, um die Geisterverwandten zu beschwichtigen, daß ihre Tochter im Dorf wohlauf ist.

Als die Geister das nächste Mal auf Besuch kommen wollten, gingen sie nicht mehr weiter als bis zum Dorftor. Sie sahen die Holzfiguren und kamen zur Überzeugung, daß die Vampirfrau zufrieden mit ihrem Ehemann zusammenlebte und eine Akha Frau geworden ist. Von da an ließen sie das Paar und das Dorf in Ruhe.' (4.3.)

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