Faceless | APA

Der Standard Mai 2008
Faceless

 
Menschen tanzen in einem Londoner Einkaufszentrum. Plötzlich löst sich die Gruppe auf, jeder geht seines eigenen Weges. Die Gesichter sind unkenntlich gemacht - warum, erfährt man bei "Faceless" erst am Schluss: Die Bilder stammen aus öffentlichen Überwachungskameras, deren Material die Künstlerin Manu Luksch für einen der intelligentesten österreichischen Streifen der jüngsten Zeit verwendet hat.

Mit dem Vokabular der Science Fiction und der einnehmenden Stimme von Tilda Swinton erzählt Luksch eine sehr heutige Geschichte von Überwachung: In naher Zukunft sind die Menschen gesichtslose Wesen, deren einzige Aufgabe das Funktionieren ist. Dafür werden sie nicht nur dauernd in jedem Winkel von Kameras beobachtet, sondern auch noch von einer "New Machine" in ihrem Leben gesteuert. Denn die sogenannte "Real Time" - die ohne Vergangenheit und Gegenwart auskommt - bestimmt, was gut ist für den einzelnen. Bis eine junge Frau sich plötzlich daran erinnert, dass sie bis vor kurzem in einer glücklichen Beziehung gelebt hat, bis ihr Gedächtnis gelöscht wurde. Und diese Erkenntnis gibt ihr ihr Gesicht wieder - und eine Aufgabe.

Das mag nach simpel gestrickter Story klingen - doch das Video, das schon auf mehreren Festivals gezeigt wurde, ist alles andere als einfach konstruiert: Luksch verwendete ausschließlich Bilder aus Überwachungskameras in London, der bestüberwachten Stadt der Welt. Mehr als vier Millionen CCTV-Kameras (steht für Close Circuit Television) nehmen dort jede Bewegung auf. Für ihren Streifen hat Luksch das britische Datenschutz-Gesetz ausgenützt, nach dem jeder diejenigen Aufnahmen anfordern kann, auf denen er selbst zu sehen ist. Bei allen anderen wird dabei das Gesicht unkenntlich gemacht.

Luksch spielte nun auf überwachten Plätzen Szenen, die sie danach ausheben ließ - was nicht immer auf Gegenliebe stieß: Fünf Jahre brauchte sie, um genug Material für ihren 50-minütigen Streifen zu haben. Sie habe das Gesetz "künstlerisch überprüfen wollen", sagte Luksch in einem Zeitungsinterview - ein "Legal ready-Made" ist entstanden, das auch als Film gut funktioniert, nicht zuletzt wegen der Musik von Rupert Huber und Mukul. Wie der "Guardian" inzwischen berichtete, wird das Projekt jedenfalls einzigartig bleiben: Eine Gesetzesänderung hat die Möglichkeiten, an die eigenen CCTV-Aufnahmen zu kommen, mittlerweile stark beschränkt. Umso sehenswerter ist "Faceless" - ein beklemmendes Bild von der eigenen Ausgeliefertheit in der Bilderwelt. (APA)